Bild
1

Zukunftswerkstatt Kommunalpolitik 2.0

Fishbowl -  vertieft Best-Practice und konkrete Beteiligungsansätze

Bild
1

Zukunftswerkstatt Kommunalpolitik 2.0

Fishbowl -  vertieft Best-Practice und konkrete Beteiligungsansätze

Zukunftswerkstatt Kommunalpolitik 2.0

11 / 2025 vertieft Best-Practice und konkrete Beteiligungsansätze

Zukunftswerkstatt Kommunalpolitik: Zweite Gesprächsrunde vertieft Best-Practice und konkrete Beteiligungsansätze

DABEISEIN in den Gießener Lahntälern lud erneut in den Bürgersaal am Bahnhof Rabenau ein

Am Samstag, den 22. November 2025, fand im Bürgersaal am Bahnhof in der Rabenau die zweite Gesprächsrunde der Reihe „Zukunftswerkstatt Kommunalpolitik“ statt. Die Veranstaltung wurde von der Partnerschaft für Demokratie „DABEISEIN in den Gießener Lahntälern“ organisiert und brachte erneut Engagierte, Multiplikator:innen, Vertreter:innen aus Politik und Zivilgesellschaft sowie interessierte Bürger:innen zusammen.

Während die Zukunftswerkstatt I im Jahr 2024 vor allem den IST-Zustand und bestehende Herausforderungen in den Blick nahm, rückte die zweite Runde konkrete Good-Practice-Beispiele, erprobte Methoden und übertragbare Ansätze für kommunale Beteiligung in den Vordergrund. Leitend war die Frage, wie politische Teilhabe für Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten verbessert werden kann – insbesondere für junge Menschen, Frauen, Eltern, People of Colour, Menschen mit Behinderung sowie weitere marginalisierte Gruppen.

Ablauf und inhaltliche Schwerpunkte

Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Björn Zimmer und das DABEISEIN-Team führte Ida Schulz mit einem Kommunikationstraining zum Aktiven Zuhören in die erste Arbeitsphase ein. Sie betonte:
„Achtsamkeit und Zuhören erleichtern wertschätzende Gespräche – und damit auch den Kontakt zu Menschen, die sich bisher nicht selbstverständlich beteiligen.“

Im Anschluss präsentierte Franziska Ospald zentrale Ergebnisse der Zukunftswerkstatt 2024 und leitete zur Frage nach Machbarkeit und Übertragbarkeit über:
„Wir wollen nicht bei Visionen stehen bleiben, sondern uns fragen: Was funktioniert bereits – und wie können wir das konkret auf unsere Kommunen übertragen?“

Es folgte eine moderierte Dialogrunde mit Praxisimpulsen aus der Region Mittelhessen, u. a. von den Landfrauen Hessen, dem Jugendforum Nord, Mehr Demokratie e.V., Jugendbeauftragten sowie Kommunalpolitiker:innen.

 

Stimmen aus der Region: Praxisberichte und Herausforderungen

Christoph Nachtigall, Vorsitzender der Bürger für Rabenau, hob die Bedeutung einer lebendigen Kommunikationskultur hervor:
„Wir möchten eine Basis vor Ort für gute Kommunikation mit allen Menschen schaffen. Gemeinschaftlich getragene Verantwortung ist unser Ziel.“
Er zeigte sich zugleich besorgt über wachsende Politikverdrossenheit – ein zentrales Motiv für die Vereinsgründung. Besonders erfreulich sei die zunehmende Beteiligung von Frauen in Schlüsselpositionen.

Susanne Pickenbrock-Hindges (HFA Staufenberg) sprach über die Rolle von Frauen in politischen Gremien und die Herausforderungen ihrer Sichtbarkeit. Sie betonte:
„Ich lege Wert auf eine wertschätzende Kommunikation und moderiere bewusst auf Transparenz und Nachvollziehbarkeit hin.“
Ihre aufsuchende Jugendbeteiligung habe sich besonders bewährt: Der direkte Kontakt zu Kindern und Jugendlichen ermögliche echte Bedarfsorientierung.

Die Vertreterinnen des Landfrauenverbands Hessen, Irmgard Beck und Anneliese Zimmer, unterstrichen das große Potenzial politischer Arbeit von Frauen:
„Wir sind zwar nicht parteipolitisch, aber allgemein politisch sehr engagiert – und wir wollen insbesondere Frauen aller Couleur in der Politik stärken.“
Sie äußerten den Wunsch nach mehr Sachlichkeit, weniger Bürokratie und stärkerer Verknüpfung von Tradition und Innovation. Weiterhin hoben sie heraus, dass ihr Verband recht groß ist, sowohl im Land als auch bundesweit, was natürlich auch eine gewissen Wirksamkeit mit sich bringen kann und engagierten jungen Frauen einen Raum bietet auch Veränderungsprozesse anzustoßen. 

Die Mitglieder des Jugendforums – Victoria, Luke und Hamza – betonten die Bedeutung von Vertrauensräumen und niedrigschwelligen Formaten:
„Jugendliche sind politisch leichter zu manipulieren – deshalb brauchen wir mehr Aufklärung in einer jugendgerechten Sprache.“
Sie berichteten von neuen Beteiligungsformaten wie dem „Raben-Netz“ und der Idee eines politischen Jugendcafés.

Markus Möller von Mehr Demokratie e.V. stellte verschiedene Modelle direkter Demokratie vor, darunter Bürgerbegehren sowie zufällig geloste Bürger:innenräte:
Er hob hervor, „dass externe Moderation faire Kommunikation ermöglicht und so alle gehört werden“. Neue Methoden wie bspw.„Sprechen und Zuhören“ gemeinsam mit Bürger:innen, Verwaltung und Politik könnten neues Vertrauen schaffen, Konflikten vorbeugen und wären ein erster Schritt in Richtung Bürgerbeteiligung.

Ottmar Lich, langjähriges Mitglied der Gemeindevertretung Rabenau, erinnerte an die Bedeutung kommunaler Selbstbestimmung:
„Die dezentrale Selbststeuerung ist ein wertvoller Machtausgleich – sie darf nicht aufgegeben werden.“
Er ermutigte zu mehr Mut für innovative Beteiligungsformate.

 

Finanzfrage im Fokus: Bürgermeister Zimmer mahnt faire Verteilung an

Bürgermeister Björn Zimmer erneuerte seinen klaren Appell für bessere Rahmenbedingungen der Kommunen.
Er kritisierte, dass die kommunale Ebene immer mehr Aufgaben übernehme, ohne entsprechende Mittel zu erhalten:

„Die Überregulierung wächst, aber die finanziellen Gegenleistungen bleiben aus. Die Kommunen tragen rund 25 Prozent der Arbeit, erhalten aber nur etwa 15 Prozent der Steuermittel zurück. Diese Schieflage zwischen Land, Bund und kommunaler Ebene muss dringend korrigiert werden.“

Er plädierte zudem dafür, Parteibücher nicht über Sachlichkeit zu stellen, denn in der Kommune käme es mehr auf den Charakter und die Tatkraft der einzelnen an. Er sprach sich weiterhin für ein verpflichtendes Freiwilliges Soziales Jahr für alle Schulabgänger:innen aus.

Ergebnisse und neue Impulse

In der anschließenden Diskussionsrunde wurden die Erkenntnisse der ersten Zukunftswerkstatt aufgegriffen und weiterentwickelt.

Ergebnisse aus 2024 – Rückblick

  • (bessere) Vernetzung der Freiwilligenstrukturen
  • Safe Spaces und niedrigschwellige Begegnungsorte
  • Wertschätzende Kommunikationskultur statt „Kampfmodus“
  • Leichtere, digitale und KI-unterstützte Aufbereitung politischer Inhalte
  • Interesse an gelosten Bürger:innenräten

Neue Impulse 2025

1. Zielgruppengerechte Ansprache
gezielt Aufsuchende Arbeit; Social Media „One-to-few“- Ansprache/Gespräche auch im digitalen Raum
– KI-gestützte, verständliche Aufbereitung politischer Inhalte

2. „Marktplatz des Know-Hows“
Thematische Fach-AGs mit sachkundigen Bürger:innen.

3. Professionelle Prozessmoderation
Eine neutrale, parteifreie Stelle für faire Diskussionsprozesse, mit regelmäßigen Zuständigkeitswechseln.

4. Flexiblere politische Sitzungen
Angepasste Zeiten, Orte und ergänzende Kinderbetreuung.

5. Überparteiliches Bündnis ländlicher Regionen zu mehr Gerechtigkeit bzgl. Finanzierung

Bündnis bilden zur Forderung nach einem verbesserten Steuermodell (vgl. Schweden - eigene Einkommenssteuer für Kommunen? oder andere Lösungen wären zu durchdenken - hier u.a. braucht es mehr Solidarität)

Ausblick

Das DABEISEIN-Team wird die neuen Erfahrungsberichte, Ideen und Impulse in die Vorbereitung der kommenden Zukunftswerkstatt einfließen lassen, die voraussichtlich wieder im November 2026 stattfinden wird. Die Ergebnisse der zweiten Runde setzen einen wichtigen Akzent hin zu einer inklusiveren, flexibleren und lebensweltorientierten Kommunalpolitik in den Gießener Lahntälern.

Impressionen

gefördert durch PÖV